Karl-Markus Gauß

Im rätselhaften bildnerischen Universum des Hermann Kremsmayer blinken Zeichen und Markierungen, manche von ihnen bedeuten etwas ganz Bestimmtes, anderen ist die spezifische Bedeutung längst erloschen, viele stehen für etwas, das so fest determiniert nicht ist, einige sind vorgetäuschte Zeichen, die sich als schlichte Gesten erweisen. Das hört sich an, als wäre es von der gesuchtesten Verwirrung, aber es ist doch exakt auch unsere tägliche Welt, in deren Überfülle an Zeichen, Chiffren, Schriften, optischen Reizen auch die Fehldeutung eine der üblichen Orientierungsformen darstellt.

Kremsmayer ist der künstlerische Vorgang kein psychischer Befreiungsschlag, dessen Energie man dem einzelnen Bild noch anzumerken hat. Hier geht es übrigens nicht um eine ästhetische Frage allein, vielmehr um eine des Lebens-Entwurfs dieses Malers, um einmal auf einen Zusammenhang zwischen dem Maler und seinen Bildern zu erinnern.
Was Kremsmayer anstrebt, und zwar auf Bildern, die derlei schon vom großen Format her erschweren, das ist die leichte Geste, die ohne existentielle Dramatik zur Form wird. Was sich auf den Bildern ereignet, soll eher die Neugier des Malers seiner Welt gegenüber spiegeln. Der Maler malt nicht, um sich als Subjekt zu erproben, sondern weil ihn an den Objekten seiner Bilder etwas interessiert. Weil er selber erfahren möchte, wie sich die Dinge, die er aus seiner Verfügung entlässt, auf dem Bild zueinander fügen werden. Kremsmayer hält sich die Bilder also nicht als Depot seiner eigenen abgelebten Stimmungen, eher als Laboratorium ihrer möglichen Stimmigkeiten. Kurz: Seine künstlerische Subjektivität entfaltet sich, indem sie die Dinge in ihrer Objektivität Farbe und Form werden lässt.
Bei manchen Bildern fühlt man sich von ferne an Felswände erinnert, in die etwas gekritzelt ist, doch diese Archaik ist nicht ideologisch gemeint und kommt nicht kultisch überladen daher. Es ist ein eleganter Durchstoß, der Kremsmayer gelingt: auf einem stofflich und farblich höchst sorgfältig ausgelegten Grund genügen ihm ein paar Striche und Ritzungen, und wie durch ein unerwartet geöffnetes Fenster fällt der Blick ein paar Jahrtausende in der Gattungsgeschichte zurück.

Fast scheint es, als würde in diesen manchesmal auf kunstvolle Weise karg gehaltenen Bildern eine rätselhafte Fülle aufleuchten; so erinnern sie uns daran, dass wir Menschen sind, die es gelernt haben, die Kindheit zu vergessen, und Angehörige einer Zivilisation, die nicht weiß, aus welcher Tiefe sie gekommen ist.

Ehe man über den Weg grübeln mag, den Kremsmayer seit 30 Jahren als Maler geht, ist festzuhalten, dass er ihn jedenfalls selber geht – und nicht von Moden geschoben wird – , und dass es sein eigener Weg ist, nicht der von Vorbildern, Idolen, Trendsettern. Sucht man Kremsmayer behelfsweise einen Platz in der gegenwärtigen Kunstszenerie zuzuweisen, fallen einem ein paar Namen und Begriffe ein … aber sie sitzen ihm nicht. Es fällt über sein Werk doch der Schatten gar keines Meisters. Denn was Kremsmayer zu verwirklichen sucht, das ist tatsächlich ein ganz eigenes, sein Programm, und darin steckt natürlich auch wieder ein fast schon romantischer Übermut.

Der Weg: Er scheint Kremsmayer in den letzten Jahren zur malerischen Reflexion über den Menschen geführt zu haben. Der Mensch als Körper und als Idee, als fleischliche und als geistige Existenz, als Bild und als Entwurf. Auch in der Gestaltung des Menschen ist Kremsmayer die Malerei aber nicht ein Medium der Illustration, sondern der Erkenntnis. Pointiert könnte man sagen, er geht nicht von einer Gewissheit über den Menschen aus, die er im Malen abzubilden strebt, sondern sucht diese malerisch vielmehr erst zu erreichen: Was der Mensch ist, um es zu erfahren, bleibt dem Maler nur die Malerei.

Was ist das für ein Mensch, dessen Umriss, Torso wir auf den Bildern von Kremsmayer neuerdings entdecken? Es ist ein merkwürdig vieldeutiges, ja von gegensätzlichen Attributen bestimmtes Wesen. Verletzlich und robust in einem, in der Bewegung erfasst und zugleich wie unerschütterlich in seinen Raum gestellt, ganz Körper und doch reine Spiritualität.